Montag, 5. Dezember 2016

Halbzeitbilanz: Würde ich gerne in Ruanda leben wenn ich aus Deutschland ausziehen müsste?



Ich habe jetzt schon ein bisschen mehr als die Hälfte meiner Zeit hier verbracht und habe jetzt das Gefühl, dass ich eine Halbzeitbilanz ziehen muss. Spätestens wenn ich mich in zwei Wochen von allen meine Freunden, inklusive Caroline, verabschiedet habe, beginnt für mich auch eine wahrscheinlich stark veränderte Ruanda Erfahrung. Ich werde für die finalen Abschlussprüfungen des Semesters lernen müssen, ich werde für die Bachelorarbeit nicht nur die Bäume vermessen sondern auch fällen und wiegen und ich werde mir andere Freunde suchen müssen. Ich freue mich auch schon auf den Besuch von Claire von Mitte Janaur bis Februar. Ich denke die zweite Hälfte wird, ähnlich wie die erste, unheimlich schnell vorrüber gehen! Die ersten 2-3 Dezember Wochen werden wahrscheinlich noch unheimlich entspannt, aber danach werde ich wahrscheinlich zur Selben Zeit von mitte-ende Dezember bis mitte Januar für die Prüfungen lernen müssen und die Bäume fällen. Ich denke das wird ein sehr stressiger Monat. Danach kommt mich dann Claire besuchen. Wenn Sie wieder weg ist, habe ich hier nur noch 2-3 Wochen und dann schreibe ich wahrscheinlich an meiner Bachelorarbeit und besuche noch ein paar Freunde und suche vielleicht Souveniers und sowas. 

Aber jetzt zu meinen Ruanda Eindrücken. Die Ruanda sind wahhhhhnsinnig ruhig, höflich, sehr freundlich und sehr hilfsbereit!! Wenn ich irgendein kleines Problem habe, zum Beispiel ich suche nach dem Weg, möchte etwas bestimmtes kaufen, habe eine Frage zu einem Vortrag den jemand hällt oder wenn ich vielleicht irgendetwas kleines wie einen Stuhl etc. gebrauchen könnte, dann ergreift eigentlich immer sofort irgendjemand die Initiative (ohne das ich Frage) und bringt mir einen Stuhl, oder übersetzt für mich oder erklärt mir den Weg etc. Das sich fremde Leute so sehr um mich kümmern, habe ich das letzte Mal in Indien erlebt, aber auch da war es wahrscheinlich nicht so stark ausgeprägt wie hier! Ich denke das liegt daran, dass in Entwicklungsländern wie Ruanda oder Indien, die Leute unheimlich viel Respekt vor Europa und Amerika haben und sich selbst möglichst gut Präsentieren wollen und möglichst viel Respekt zeigen wollen. Zweitens, habe ich den ganz starken Eindruck, dass sich viele Leute so ein bisschen schämen, dass Ruanda/ Indien nicht so schön ist wie das super schöne und super reiche und super moderne Deutschland und man möchte mir das Beste geben, dass sie haben damit ich nicht ganz so schlecht über Ruanda denke. Manchmal habe ich das Gefühl, als würden viele Leute hier denken „Ohhh der kommt aus einem super reichen Land in dem alles super super schön und super super hoch modern ist und bei uns ist alles kaputt. Wir müssen ihn jetzt so gut wie möglich unterstützen, weil er sich sonst in unserem verarmten unterentwickelten Land nicht wohl fühlt und mit schlechten Eindrücken nach Hause geht.“ Soooo hat das natürlich noch niemand ausgedrückt, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Leute so in diese Richtung denken. Aber das muss meiner Meinung nach nicht so sein. Ja, Einerseits ist es klar, dass Deutschland eine vieeeeel bessere Infrastruktur hat (also besseres Straßennetzt, modernere Straßen und Gebäuden, mehr Möglichkeiten in allen Bereichen etc.). Andererseits ist es absolut ausreichend und die Infrastruktur ist auch nicht das Wichtigste. Ich persönlich würde lieber im ruhigen Ruanda wohnen als zum Beispiel in Israel, das zwar wirtschaftlich sehr weit entwickelt ist, aber wo es jeden Tag zu Gewalt gegen Isralis und Palestinänsern kommt. Also Infrastruktur ist nicht auf dem selben Stand wie bei uns, aber ich will Ruanda ganz groß loben, dass die Leute hier so friedlich sind und das es zu den sichersten Ländern Afrikas zählt.

Trotzdem ist Ruanda glaube ich nicht das richtige Land für mich. Natürlich werde ich weiter in Deutschland leben keine Frage, aber wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich wahrscheinlich lieber in Indien als in Ruanda leben. Ruanda und seine Bevölkerung ist in sehr vieler Hinsicht weeeeesentlich ruhiger, sauberer und leichter als Indien aber die Mentalität der Leute passt weniger zu mir als die der Indier denke ich. Eigentlich ist es so, dass die Ruanda cooler und aktiver und lustiger sind als die Indier. Zwar sind die meisten Ruanda sehr sehr schüchtern und nervös und "korrekt" sage ich mal, aber wenn immer sie die Möglichkeit haben zu tanzen und zu feiern, dann tuen sie das auch. Die Menschen hier lieben es raus zu gehen und zu tanzen und ein wenig zu trinken (nicht wie bei uns mit Komasaufen) und haben eingentlich ganz schön viel Spaß. Fast alle Leute hier, lieben es zu tanzen und sind fantastische Tänzer, dass ist echt beeindruckend! Aber was mich stört ist, dass mir Tanzen halt einfach gar nicht gefällt und ich in Europa sehr gerne in Bars gehe und mich da mit Freunden unterhalte und viele Witze mache. Deswegen hat mir Dublin auch so gut gefallen weil es so viele Pub’s/ Bars gibt. Die viele  Leute´mit denen ich zu tun hatte, sind viel zu schüchtern wenn sie sich unterhalten und es muss immer getanzt werden wenn Musik gespielt wird. Viele Leute verstehen meine Witze nicht und machen selber keine. Es ist vielleicht so ein bisschen so, dass die Leute denken ich bin verkrampft weil mir Tanzen nicht gefällt und ich verkrampft auf der Tanzfläche bin. Ich habe aber wiederum so ein bisschen das Gefühl, dass viele Leute auserhalb der Tanzfläche verkrampft sind :D. Also irgendwie passe ich nicht in diese Gesellschaft rein. Wenn wir nicht auch Fußball als Gesprächsthema hätten, hätten wir uns gar nichts zu sagen. Und in Indien ist das anders, weil die Leute da zwar auch ruhig und schüchtern mit mir reden (untereinander überhaupt nicht) aber es kaum Nachtklubs gibt und die Leute kaum Tanzen (kaum zu glauben ich weiß! Bollywood gibt uns da ein ganz anderes Bild). In Indien verbringt man die meiste Freizeit mit der Familie, schaut Fernsehen, spielt Schach und unterhält sich dann natürlich währenddessen. Deswegen hatte ich in Indien viele spannende und auch lustige Gespräche mit meinen Freunden und der Familie meiner Köchin. Das ist so eine Kultur und eine Freizeitgestaltung die besser zu mir passt und wo ich mich auch wohler Fühle. Ich vermisse das hier so ein bisschen.

Vielleicht kann man mal kurz zusammenfassen: Probleme habe ich hier absolut keine!! Es ist sehr sehr leicht in Ruanda zurecht zu kommen. Das Wetter ist  super, das essen ist gut, die Leute sind freundlich, alles ist gut. Es gibt überhaupt kein Problem und das ist ein riesen Pluspunkt!! Dann gefällt mir die Bachelorarbeit sehr gut und in dem einen Fach, dass mich interessiert lerne ich denke ich auch sehr viel! Von daher gibt es eigentlich nichts zu mekern. Dafür habe ehrlich gesagt auch nicht ganz so viel Spaß wie in Irland oder Indien und das ist ein bisschen Schade. Auf der anderen Seite hatte ich in Indien suuuuper Freunde mit denen ich mich absolut fantastisch verstanden habe. Auch die Arbeit war in Indien sehr schön, aber psychisch ganz schön hart, weil man sich natürlich um die Kinder im Projekt Sorgen gemacht hat und das Essen und Klima war ein Problem. In Indien hatte ich also viele Dinge die sehr sehr schön waren, aber auch viele Dinge die echt sehr schwer waren. So ähnlich war es auch in Irland. Mir hat die Arbeit gar nicht gefallen, aber dafür hatte ich in Dubin viel Spaß mit Freunden und habe viele neue, spannende, schöne und lustige Dinge unternommen.
Vielleicht kann man sagen, dass meine Zeit in Ruanda ein bisschen langweilig und ereignisloser ist, im Vergleich zu meiner Zeit in Indien oder Irland, aber dafür habe ich auch weniger Probleme.

Ehrlich gesagt wird das hier glaube ich erstmal mein letzter Auslandsaufenthalt für länger als 3 Monate sein. Ich habe im Moment nicht mehr die selbe Leidenschaft wie noch vor 5 Jahren als ich in Indien war. Wahrscheinlich werde ich das in 1 oder 2 Jahren wieder anders empfinden aber ich glaube danach gibt es erstmal eine Pause. Was ich eigentlich auf jeden Fall noch machen möchte, ist in den Sommersemesterferien für 2-3 Monate nach Russland oder Kirgisien oder so um mein Russisch soweit zu verbessern das es absolut flüssig ist und nicht nur dieses halb stotternde Russisch ist. Und ich bin schon fleißig dabei Französisch zu lernen und möchte 2-3 Monate nach Frankreich oder Belgien oder in die Schweiz um auch noch, wenn ich soweit bin, mein Französisch soweit zu verbessern, dass ich flüssig bin :). Das wäre schön wenn ich das könnte und hinbekommen würde :).
Sooo, aber jetzt erstmal Schluss mit diesem Eintrag. Nächste Woche geht’s weiter, mit meiner letzten Reise mit Caroline und wenn ich allen meinen Freunden hier Tschüss gesagt habe.

Bis zum nächsten Mal

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